Wie „Versicherungen“ ticken…

„Nee, Elementarschäden brauch ich nicht – hier gibt es kein Hochwasser. Aber Steinschlagschäden passieren häufig – das müssen wir unbedingt versichern.“

So oder so ähnlich werden laufauf, landab die Entscheidungen für und gegen Versicherungen getroffen. Im Gedanke dahinter – oder besser in der Intuition dazu liegt die Crux: Die Entscheidung wird bestimmt durch den Glauben daran, man könne mit einer Versicherung einen Vorteil erlangen. Doch genau das ist falsch und ich möchte einmal (mehr) ausführen, weshalb:

Ziel ist es, den optimalen Versicherungsschutz zu erlangen.

Optimal ist Versicherungsschutz dann, wenn alles Notwendige versichert ist und alles entbehrliche ausgeschlossen.

Entbehrlich ist alles, was wir selbst tragen können. Notwendig indes ist all das, was wir unter normalen Umständen nicht selbst übernehmen können – also derartige Schäden, welche die eigene Leistungsfähigkeit übersteigen. Alles, was wir selbst tragen können, sollten wir auch selbst tragen, denn Versicherungen sind immer teurer als das eigentliche, versicherte Risiko (und müssen sie auch sein, damit sie funktionieren).

Als Beispiel: wenn über einen Zeitraum von 10 Jahren im Schnitt Schäden von ca. 1.000 Euro pro Jahr entstehen, dann muss der Versicherer in etwa 2.000 Euro pro Jahr einkassieren, damit nach Abzug der 1.000 Euro an Schadenskosten alle Nebenkosten (Versicherungssteuer, Verwaltungskosten, Provisionen, Rücklagen und Gewinne) bezahlt werden können. Würde er weniger verlangen, ginge er pleite – das wird nicht passieren. Sollten wir über einen längeren Zeitraum mehr Schäden verursachen, als der Versicherer dafür berücksichtigt hat (in der Regel ca. 50-60% der Beiträge), dann wird er entweder die Beiträge erhöhen oder uns kündigen, wobei es dann schwierig wird, einen neuen Vertragspartner zu finden. Kurz um – solange der Versicherer Gewinn macht, ist für uns alles sicher.

Das heißt für uns zum Verständnis, dass Versicherungen in der Regel unweigerlich und notwendigerweise gut und gern doppelt so teuer sind, wie das Risiko, welches sie abdecken. Oder umgekehrt – wenn wir das Risiko selbst abdecken anstatt es zu versichern, kostet es uns nur die Hälfte des sonst üblichen Versicherungsbeitrags.

Dies funktioniert aber nur solange, wie wir auch die erforderlichen Mittel dafür haben.

Weiteres Beispiel: von 100 versicherten Gebäuden brennt im Zeitraum von 10 Jahren nur eines ab. Innerhalb von 10 Jahren zahlen also die anderen 99 Gebäudeeigentümer für den Schaden des einen Pechvogels. Wäre dieser nicht versichert, müsste er das Haus aus eigenen Mitteln aufbauen – das kann er nicht, deswegen versichert er es. Über den Zeitraum von 10 Jahren würden also Kosten von genau einem Haus notwendig sein. Zuzüglich Rücklagen, Gewinnen, Provisionen, Steuern usw. muss der Versicherer aber von den 100 Eigentümern doppelt so viel Geld verlangen, wie das eine Haus im Wiederaufbau kostet. Wenn ein Haus 100.000 Euro kosten würde, fielen über 10 Jahre bei 100 Häusern demzufolge mathematisch durchschnittliche 100 Euro an Schadenskosten an. Bezahlen muss aber jeder 200, damit der Versicherer im Fall der Fälle die 100.000 Euro auf den Tisch legt.

Das gleiche gilt aber auch für kleine Schäden.

Anderes Beispiel: Von 100 Häusern haben jedes Jahr 10 Häuser Leitungswasserschaden von 1.000 Euro (Leihgebühr Trockengerät, Strom für Trockner, Malerarbeiten). Das macht im Jahr 10.000 Euro und in 10 Jahren ebenso 100.000 Euro. Auch hierfür müssen 200 Euro pro Jahr an Beiträgen gezahlt werden, damit die Rechnung für den Versicherer aufgeht. Statistisch gesehen fallen auch hier pro Eigentümer jedes Jahr 100 Euro an Risikokosten an (genau wie bei einem Brand). Nur ist hier des Gesamtschaden geringer. Sollte der Leitungswasserschaden eintreten, könnte der betreffende Eigentümer diesen aus eigener Kraft bewältigen. Dies kostet ihn nur 100 Euro pro Jahr anstatt 200 Euro. Nach 10 Jahren hätte er statistisch also 1.000 Euro weniger bezahlt, als sein Nachbar, der diesen Schaden mitversichert

Häufig kommt nun der Gedanke, dass es doch aber sein kann, dass wir selbst in den 10 Jahren dummerweise 3 Wasserschäden haben und wir dann 3.000 Euro hätten selbst bezahlen müssen, anstatt nur 2.000 Euro für die Versicherung. Dieser Gedanke ist nur leider nicht bis zum Ende durchdacht: denn wären wir versichert gewesen und hätten wir diese 3.000 Euro bekommen, wäre uns spätestens mit der letzten Zahlung auch die Kündigung eingegangen, weil der Versicherer keine Lust hat, uns zu versichern, wenn wir für ihn ein Verlustgeschäft bedeuten. Und dann aber stünden wir vor dem Existenzrisiko, wenn sich anschließend ein echter Großschaden ereignet und keine Versicherung mehr besteht.

Egal wie – wir können bei einem Versicherungsvertrag (mathematisch) keinen Gewinn machen. Wer dennoch meint, er könne dies, der spekuliert und wettet gegen die Mathematiker. Aber das ist weder besonders aussichtsreich, noch ist es Sinn und Zweck eines Versicherungsvertrages – für derlei Ambitionen gibt es Lotto, Casinos oder Wettbüros.

Selbst wenn wir eine Versicherung unterhalten sollten, bei welcher der Versicherer bisher immer anstandslos (für Kleinschäden) geleistet hat, bei welcher auch keine Kündigung erfolgt ist, da der Versicherer immer noch mehr eingenommen hat als ausgegeben – und wenn zusätzlich auch die mögliche Beitragsersparnis für den Ausschluss all dieser Kleinschäden geringer sein sollte als die Summe dieser bisher erstatteten Kleinschäden – dann schwebte über uns permanent das Damoklesschwert der Kündigung im Fall einer größeren Schadens. Ein solcher mit den bisherigen Kleinschäden zusammenaddiert würde den Vertrag für den Versicherer unrentabel machen und die Kündigung käme ins Haus. Ab dort müssten wir dann das Risiko eines Totalverlustes selbst tragen – und das kann sich wohl kaum jemand von uns leisten.

Wichtig ist zu verstehen, dass ein Versicherer nicht allein bei einer Unrentabilität kündigt, sondern immer nur dann, wenn diese mit einer Schadenhäufigkeit zusammenfällt. Wenn ich der eine Pechvogel mit dem Hausbrand bin und sonst nie eine Leistung aus dem Vertrag in Anspruch genommen habe, wird der Versicherer meinen Vertrag (in der Regel) fortführen, denn genau für diesen Schaden hat er Rücklagen gebildet – er ist eingepreist und als seltenes Schadensereignis nicht vorhersehbar. Sollte ich aber vor dem Brand oder auch danach noch einen oder gar mehrere Kleinschäden eingereicht haben, bräuchte ich nicht weiter auf die Gefolgschaft des Versicherers hoffen. Denn dann weiß der Versicherer, dass er mit mir keinen Gewinn machen kann, weil ich eben nicht nur den Großschaden abwickle, sondern auch den Kleinschaden – und das wird für ihn zu teuer.

Sicherlich wäre es im Lichte dessen besser, wenn Versicherer von vornherein nur Großschäden versichern würden – dann bestünde kaum die Gefahr einer Kündigung wegen Schadenhäufigkeit… früher war das auch so. Aber dann kamen Stimmen auf ala „da habe ich nun 10 Jahre Beiträge gezahlt und jetzt weigert sich der Versicherer, diesen kleinen Schaden zu übernehmen – dann geh ich eben zu einem anderen Versicherer.“. Genau diese Wanderung von Versicherer zu Versicherer hatte zur Folge, dass immer mehr Kleinschäden in die Verträge eingeschlossen wurden, so dass heute die Versicherungsverträge viel umfangreicher sind als vor 20 oder 30 Jahren. Heutzutage sind Versicherungen keine reinen Risikoabsicherungen mehr, sondern eher Full-Service-Verträge, die gegen eine gleichbleibende Gebühr neben den hohen Risiken auch alle laufenden Kosten übernehmen, die so anfallen könn(t)en. Für diese Leistungen sind aber die Prämien immer weiter gestiegen, so dass wir heute deutlich mehr für Versicherungen ausgeben als früher und als für die echten, reinen Risiken zu zahlen wären. Da Versicherer in der Regel anteilig je Beitrag Gewinne erwirtschaften, ist es für sie aber auch rentabel, wenn wir alle Kleinschäden mitversichern. Denn mehr Umsatz bedeutet für sie auch mehr Gewinn. Unrentabel wird es erst dann, wenn wir diese mitversicherten Kleinschäden auch regelmäßig geltend machen und dann plötzlich mehr Geld aus der Versicherung herausbekommen als eingezahlt haben. Dann aber fliegen wir aus dem Kollektiv raus und müssen uns selbst kümmern.

Nun ist der Markt aber einmal so (geworden) und wir müssen damit leben. Allerdings haben wir immer noch die Wahl, Kleinschäden mitzuversichern oder eben nicht. Ich tendiere dazu, Versicherungen zwar umfangreich – auch inkl. vieler Kleinrisiken – zu gestalten, aber einen Selbstbehalt einzubauen in genau jener Höhe, wie wie ihn selbst aufbringen können. Denn sollte es zu einem Großschaden, wie einem Brand kommen, dann wird jedes nicht versicherte Kleinrisiko zu einem weiteren Problem, was mich in finanzielle Not führen kann. Deswegen möchte ich im Falle eines schlimmen Ereignisses umfassend versichert sein. Tritt aber ein kleiner Schaden allein auf, so trage ich ihn lieber selbst, um nicht Gefahr zu laufen, gekündigt zu werden und meinen wertvollen und umfangreichen Versicherungsschutz zu verlieren.

Auch hierzu ein Beispiel: Bei einer großen Kfz-Flotte mit vielen Fahrzeugen sind Glasbruchschäden an der Tagesordnung – sie fallen (beinahe) garantiert jedes Jahr an. Sie sind also kein unvorhersehbares Ereignis, sondern unvermeidliche und somit laufende Kosten. Das weiß auch der Versicherer – also kalkuliert er dies mit ein. Er rabattiert es zwar auch, damit der Vertrag attraktiv bleibt – behält sich aber im Gegenzug vor, die Beiträge zu erhöhen oder zu kündigen, wenn plötzlich durch die Glasschäden mit einem unvorhergesehenen größeren Schaden zusammen der Vertrag unrentabel wird. Versicherungen sind jedoch da, um Risiken abzusichern. Wenn ich aber weiß, dass ich jedes Jahr Glasbruchschäden habe, dann ist das kein Risiko mehr – also keine Gefahr mit unbekanntem Eintritt. Es stellt vielmehr eine Position der Fixkosten dar, so wie sie jedes Jahr immer wieder anfallen. Diese sollten nicht versichert, sondern selbst getragen werden – eben weil der Versicherer mehr für sie berechnen muss, damit er Gewinn macht. Anderenfalls müsste er die Reißleine ziehen, wenn der Vertrag insgesamt für ihn Verlust zu bringen droht. Letztlich können wir nicht ausschließen, dass eines der Fahrzeuge einen schweren Unfall verursacht, gestohlen wird oder schwer beschädigt. Wenn wir vorher die Glasschäden bequem haben den Versicherer regulieren lassen, besteht permanent die Gefahr, dass uns der Versicherungsschutz verloren geht. Eine Ersatzbeschaffung wird dann um ein Vielfaches teurer, da ja der neue Versicherer die bisherig angefallenen Kosten ansetzt und dort dann seine weiteren Positionen aufrechnet.

Und deswegen ist es insgesamt klüger, Kleinschäden selbst zu tragen und dafür einen entsprechenden Selbstbehalt zu vereinbaren. Alles andere wäre der Versuch einer Wette gegen den Versicherer und darauf, dass man selbst schon nicht den Großschaden erfahren wird. Aber wie schon gesagt – Wetten haben hier nichts verloren.

Wenn nun auch Sie bei Ihren Versicherungen das Gefühl haben, dass Sie zu viel bezahlen, weil zu viel versichert ist, dann lassen Sie sich von jemandem beraten, der neutral und unabhängig ist und nicht am Abschluss oder der Betreuung eines Versicherungsvertrages verdient, nämlich bei den Verbraucherzentralen, spezialisierten Rechtsanwälten oder einem der 317 in Deutschland zugelassenen Versicherungsberater (Stand 01.1.2018, DIHK). Einen Versicherungsberater in Ihrer Nähe finden Sie unter:

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